Der Rhodesian Ridgeback

Wenn man so manche Rassenbeschreibung des Rhodsian Ridgeback liest, in welcher er als sensibel und erhabener, als Hund mit einer hohen Reizschwelle bezeichnet wird, dass er wildtierartige Instinkte besitzt, dass er mutig und schnell ist, dass Rhodesian Ridgebacks intelligent sind uvm. so hat das nicht viel mit der Realität zu tun. Die Auflistung von Eigenschaften ist quasi die Beschreibung eines Idealbildes oder schlicht der Ausdruck menschlichen Wunschdenkens.

 

Schliessen sich Sensibilität und «hohe Reizschwelle nicht aus? Ein sensibler Hund wird auf geringe Veränderungen seines Umfeldes reagieren (positiv oder negativ ohne Wertung). Gerade aber bei plötzlichen auftretenden Reizen zeigen viele Rhodesian Ridgeback was ursprünglich in ihnen drinsteckt. Niedrige Reizschwellen und blitzschnelle Reaktionen, für die die Schrecksekunde des langsamen und schnellen Menschen eindeutig zu lang ist.

 

Viele RRs haben eine ausgesprochen große Wahrnehmungsdistanz. Das bedeutet, sie reagieren auf Reize wie Bewegung, Geruch und Geräusch bereits in großer Distanz.

Haben Hund und Mensch den Überblick, dann kann bei den meisten Hunde deren Reaktion auf die Wahrnehmung kontrolliert werden, die langsame Annäherung hilft ihnen dabei. Erscheint aber in unübersichtlichem Gelände ein Reiz inmitten der Wahrnehmungsdistanz, so zeigen manche Rhodesians, wie impulsiv und blitzschnell sie sein können.

 

Mut ist nichts anderes als die Bereitschaft, Konflikte auszutragen. Wobei der mutige Hund erst einmal seine eigenen Konflikte austrägt. Interessanterweise hoffen viele Hundebesitzer, dass ihr Hund erst dann mutig wird, wenn es aus menschlicher Sicht angebracht ist. Diese Sicht aber kann kein Hund teilen, auch kein Rhodesian. Das bedeutet, dass er in erster Linie auf Konflikte in der Hundewelt eingeht.

Provokationen anderer Hunde werden angenommen, auf schmalem Weg weicht er einem fremden Menschen nicht unbedingt aus, sondern nimmt den Konflikt um Individualdistanz an und löst ihn entsprechend. Diese Konfliktbereitschaft macht sich besonders beim Umgang mit gleichgeschlechtlichen Artgenossen bemerkbar.

 

Spätreif, das klingt gut. Spätreif, das bedeutet, dass der Hund sich über einen langen Zeitraum entwickelt. Spätreife Hunde überraschen ihre Besitzer bis zum 3. Lebensjahr mit neuen Reaktionen auf altbekannte Situationen. Wegen dieser Spätreife bedarf auch ein bereits ausgewachsener Rhodesian der sorgfältigen Führung. Damit ist nicht Führung im Sinne eines Leitwolfes gemeint, sondern eher Führung im Sinne eines Fremdenführers. Wir geleiten unseren Hund durch eine Welt, an die er nur schlecht angepasst ist. Diese schlechte Anpassung hat Fehlentscheidungen des Hundes zur Folge, was dann als “unerwünschtes Verhalten” bezeichnet wird. In unserer Gesellschaft gibt es nicht besonders viel Spielraum für unpassende Entscheidungen eines Hundes! Der Rhodesian ist ein großer Hund, der durch seine Farbe, kurzes Fell und auffallende Bemuskelung nicht in den Genuss des Plüschtierbonus kommt. Ein Jogger, der von einem Rhodesian ausgebremst und gestellt wird, hat allen Grund zu Schreck und Empörung. Unpassendes Verhalten von Anfang an vermeiden ist die sicherste Strategie für den menschlichen Begleiter eines Rhodesians – und zwar während der gesamten Reifezeit!

Spätreif, vielleicht klingt das doch nicht so gut, denn es bedeutet eine lange Zeit der Aufmerksamkeit und der Geduld. Die jagdlichen Facetten des Verhaltens erscheinen bei Rhodesians recht spät. So mancher Halter klopfte sich schon selbst auf die Schulter, weil sein junger Hund nur hinter Wild herschaute, drei Monate später stand er dann alleine im Wald – das Jagdverhalten des Hundes reifte spät.

 

Immer wieder wird auf die Vergangenheit der Rasse hingewiesen und auf den enormen, harten Selektionsdruck durch Klima, Krankheiten, wehrhaftes Wild und wenig zimperliche Menschen. Die Hunde aber, mit denen wir heute leben, unterliegen einer anderen Selektion, die viel bedeutsamer für uns und die Hunde ist: Ausstellungen und Zuchtzulassungsprüfungen, das sind heute die “Gefahren”, die darüber entscheiden, welcher Hund sich fortpflanzen darf und welcher nicht. Es ist fraglich, inwieweit die Zuchtzulassungen tatsächlich besonderes Augenmerk auf die Faktoren richten, die für das Zusammenleben von Hund und Mensch im dicht besiedelten Europa von Bedeutung sind.

 

Interessiert man sich für die Rasse so sollte man sich nicht sklavisch an den Standard und die daraus abgeleitete Rassebeschreibung halten, um herauszufinden, ob dieser Hund für einem geeignet ist oder nicht. Oft wird vergessen, dass nicht nur das Äussere der Hunde einer Rasse variiert, sondern auch die Reaktionsnorm des Verhaltens. Es herrscht oft die Meinung, dass man sich mehr um Körperbautyp und Farbe Gedanken machen sollte als um Verhalten. Schliesslich wird der Hund mit seiner Farbe geboren, sein Verhalten ist noch ein “weißes Blatt”, welches nach Belieben beschrieben werden kann. Und so erleben wir erschreckt, dass sich Interessenten für die Rasse RR alleine aufgrund des Äußeren entscheiden und glauben, durch eine „richtige“ Erziehung den passenden Hund formen zu können.

 

Innerhalb jeder Hunderasse findet man eine grosse Breite an Charakteren, welche von sehr scheuen bis hin zu sehr aufgeschlossenen Tieren reicht. Auch bei den RRs finden wir diese Breite, so dass man nicht von “dem” Rhodesian Ridgeback sprechen kann.

Somit liegt es auf der Hand, weshalb man sich viele verschiedene Hunde unter verschiedenen Bedingungen anschauen sollte, junge, erwachsene, alte Hund, um eine Entscheidung treffen zu können.

Nicht zu vernachlässigen ist die Genetik und insbesondere die Epigenetik, also die Erbinformationen welche vom Vater und von der Mutterhündin den Nachkommen je zur Hälfte weitergegeben werden. Welche hälfte ist Glücksache. Die aufgeschlossenen verkraften schlechte Erfahrungen gut, erholen sich nach solchen schnell und sind nicht besonders stressanfällig. Das sind die Hunde, die einen für diese Rasse begeistern können. Die scheueren Vertreter haben ein Elefantengedächtnis! Sie reagieren empfindlich auf Veränderungen innerhalb des Hauses, der umgekippte Eimer auf der Wiese lässt den Spaziergang ganz anders verlaufen als geplant. Der Hund ist nicht dazu zu bewegen, einen Weg entlang zu laufen, an dem er vor langer Zeit gegen einen elektrisch geladenen Weidezaun gelaufen ist. Negative Ereignisse werden sehr schnell mit dem Umfeld verknüpft, und der Hund braucht lange, um sich davon zu erholen. Weder hoher Welpenpreis noch schön ausformulierte Rasseportraits und noch weniger irgendwelche Champion Titel hebeln die Grundlagen der Plastizität von Verhalten und Genetik aus.

 

Wer sich für einen Rhodesian entscheidet, weil er der Kombination aus athletischem Muskelpaket, löwenjagender Vergangenheit und ansprechender Rassebeschreibung nicht widerstehen kann, sollte sich auf “Enttäuschungen” einstellen. Der zukünftige Begleiter kann sich trotz aller Bemühungen zu einem Hund entwickeln, der mit überaus deutlicher Körpersprache einen großen Bogen um Gegenstände macht, die gestern noch nicht an dieser Stelle lagen. Auf die sprichwörtliche Erhabenheit und nachgesagte „Arroganz“ muss man bei diesen spätreifen Hunden mindestens drei Jahre warten können, und schon so mancher Rhodesianbesitzer hat das ganze Hundeleben lang vergeblich gewartet.

 

Mit einem RR zu leben bedeutet, die ersten drei Lebensjahre des Hundes sein Verhalten in Bezug auf fremde Menschen, fremde Hunde und Wild zu beobachten und ruhig in passendere Bahnen zu lenken. Viel Arbeit an der langen Leine ist nötig, zu viel Freiraum bietet zu viele Möglichkeiten für unpassendes Verhalten, keinen Freiraum aber ebenso.

Bei der Diskussion für welche Menschen nun “der” Rhodesian Ridgeback geeignet ist, gehen die Meinungen auseinander?

Hierzu werden oft und gerne die Menschen in zwei Kategorien eingeteilt: Ersthund-Besitzer, sog. Anfänger, und Erfahrene oder Fortgeschrittene. Mit dieser Zweiteilung kommt man aber nicht zu einer hilfreichen Aussage. Die wichtigen Aspekte, welche eine Persönlichkeit auszeichnen werden dadurch ausser Acht gelassen. Ein Hund wird sich nur dort wohl fühlen, wo die Menschen zufrieden mit ihm sind. Wer Freude daran hat, über einen langen Zeitraum hinweg Entwicklungshilfe zu leisten, einen Hund wohlwollend und gelassen zu führen, anstatt ihn mal schnell zu unterdrücken, der wird auch die Eigenschaften eines Rhodesians als Bereicherung für sein Leben empfinden. Wer sein Leben durch eine pflegeleichte, elegante Erscheinung bereichern möchte, die ansonsten aber nicht unangenehm auffallen sollte, wer sich durch seinen Alltag bereits überfordert fühlt und einen lebendigen Ausgleich dazu sucht, der sollte bitte Abstand vom Rhodesian Ridgeback nehmen. Und ganz besonders sollten diejenigen verzichten, die ausgesprochen harmoniebedürftig sind und es nicht ertragen könnten, dass ihr Hund nicht jeden anderen Hund mag. Enttäuschungen für beide Seiten sind vorprogrammiert.

 

Hundehalter im Allgemeinen und Menschen für einen Rhodesian Ridgeback im Besonderen sollten einfühlsam sein, weil diese Hunde nach wie vor Fremde in der modernen Menschenwelt sind. Sie sollten sehr geduldig sein, weil Lernen viel Zeit braucht. Und sie sollten gerecht sein, weil jeder Hund das Produkt aus Genetik, Erfahrung und Umwelt ist – nichts davon hat er sich ausgesucht! Menschen mit diesen Eigenschaften finden sich sowohl unter den Ersthundehaltern als auch unter den sog. Erfahrenen.

 

Der harmoniebedürftige Hundehalter von heute stellt sich vor, dass er seinen Welpen nur regelmäßig zu Welpenspielgruppen, Junghundgruppe und sonst noch eine andere Aktivität bringen muss, und dadurch würde sein Hund auch als erwachsenes Tier “verträglich” sein.

Wer sich für einen Rhodesian Ridgeback entscheiden möchte, sollte sich unbedingt darauf einstellen, dass die Führung des Hundes viele Jahre eine Herausforderung bleiben wird. Dies gilt auch aber für andere Hunderassen, wohlgemerkt

 

März 2020

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Christian Carlos Kunz

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